Streit und Spaltung allerorten. Diesen Eindruck kann man beim Blick auf die Welt und unsere Gesellschaft gewinnen. Der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten, der das Land noch lange nach dem Schließen der Wahllokale spaltet. England, das zwischen Befürwortern und Gegner des sogenannten „Brexit“ zerrissen ist. Der mörderische Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in der islamischen Welt – um nur drei Beispiele zu nennen. Hinzu kommt eine fundamentale soziale Spaltung zwischen Arm und Reich; viele Menschen fühlen sich an den Rand gedrängt. Streit und Spaltung allerorten. Und wir müssen dabei gar nicht auf die große Politik schauen. Wie sieht es in meinem, in Ihrem Leben aus? Wie sieht es in den Gemeinden aus? Ich glaube, die Erfahrung von Streit, von Konflikten, die nicht mehr lösbar scheinen oder wirklich nicht mehr lösbar sind und zu Spaltungen führen, ist kaum jemandem fremd.

 

Wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit wirkt da das, was der Evangelist Lukas im zweiten Kapitel seiner Apostelgeschichte über die Jerusalemer Urgemeinde schreibt: Harmonie, Solidarität, Gütergemeinschaft. Ein Herz und eine Seele – dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die Worte des Lukas liest. Und so beschreibt er die Urgemeinde ja auch zwei Kapitel später wörtlich: „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.“ (Apostelgeschichte 4,32) Ein Herz und eine Seele, das ist fast sprichwörtlich geworden und – zumindest den Älteren von Ihnen – noch in einem ganz anderen Zusammenhang bekannt. Als Titel einer WDR-Fernsehsendung aus den Siebzigerjahren, in der die Familie Tetzlaff ihren Sinn ironisch und sarkastisch ins Gegenteil kehrte. Und ich stelle mir schon auch die Frage, ob Lukas mit diesem Bericht eine historisch korrekte Darstellung des Lebens der Jerusalemer Urgemeinde bietet oder doch eher einen „Leitfaden“ für die jungen christlichen Gemeinden im ersten Jahrhundert nach Christus formuliert. Denn wir wissen ja aus der Apostelgeschichte auch von dem Streit um die Betreuung der Armen, die zur Wahl des Stephanus zum Diakon geführt hat. Wir wissen über den Streit zwischen Petrus und Paulus um die Frage der Mission, die das Apostelkonzil klärte. Wir wissen aus den paulinischen Briefen von Spaltungen in den Gemeinden, von Irrlehrern, die aufgetreten sind. Also auch Kirche und Gemeinde von Anfang an und durch alle Zeiten und bis heute menschlich, allzu menschlich ein Ort von Streit und Spaltung?

 

Ja – und: nein. Gemeinde ist für mich bei aller Unvollkommenheit immer auch ein Widerschein des Reiches Gottes in der Welt. Eine kleine Flamme Reich Gottes – die weithin Licht spendet. In die vielen Dunkelheiten, die uns umgeben. Oder wie es mir kürzlich ein Pfarrer schrieb: „Kirche ist die Wärme derer, die in der Welt frieren.“

 

Michael Tillmann

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